Wissenschaftsblogs – Der Versuch einer Definition
Sep 12th, 2008 | By JAS | Category: AllgemeinWenn man sich fragt, welchen Stellenwert Weblogs in der internen Wissenschaftskommunikation haben, so scheint man aktuell kaum um eigene wissenschaftliche Forschungsarbeit herum zu kommen. Glaubt man Bernd Weiß, dann ist der aktuelle Stand der Blogforschung recht schnell zusammengefasst.
Wenn sich mit Blogs wissenschaftlich auseinandergesetzt wird, geht es in der Regel um eine von zwei Betrachtungsweisen. Entweder wird in quantitativer Weise untersucht, wie stark Blogs von wem zu welchem Zweck genutzt werden oder aber es wird sich im weitesten Sinne damit befasst, ob und in welcher Form Blogs eine Egalisierung zwischen Bürgern und Massenmedien im Kampf um Aufmerksamkeit und Themenwahl im öffentlichen Diskurs hervorrufen (könn(t)en). Sprich, wie sich (gesamt)gesellschaftliche Kommunikationsprozesse und Diskurse durch Weblogs (bzw. das “Social Web” im Allgemeinen) verändern oder von ihnen beeinflusst werden (siehe hierzu auch die Tagung im ZMI am 24. und 25. Oktober 2008).
Darüber hinaus wird die Gesamtheit der Blogs in ihrer quantitativen Ausdehnung (wie bspw. im inzwischen eingestellten Projekt Blogcensus) und Nutzung protokolliert.
Was macht das W-Blog zum W-Blog?
Aktuell scheint ein Blog dadurch in den Olymp der Wissenschaftsblogs erhoben zu werden, wenn es in den (inzwischen) zahlreichen, einschlägigen Blogportalen (Wissenschaftscafé, Scienceblogs, Hardbloggingscientists usw.) aufgenommen bzw. hoch gelistet wird oder man sich als Blogger einfach den entsprechenden Regeln freiwillig unterwirft (und dies mit dem schönen rosa Button auf dem eigenen Blog öffentlich kundtut).
Was bisher fehlt ist der tiefere Blick in die wissenschaftliche „Blogosphäre“ (deren Existenz Sven Keßen ja -zumindest für Deutschland- bestreitet). Für den Anfang wäre sicherlich eine aussagekräftige Typisierung von Blogs sinnvoll; inklusive treffsicherer Kriterien.
Eine sich am jeweiligen Verfasser und der geplanten Lebenszeit eines Blogs orientierende Typolgie von wissenschaftlichen Blogs findet sich im Blog von Benedikt Koehler (ausführlich hier).
Dieser Typisierung inhärent ist bereits eine Definition von Wissenschaftsblogs (in Abgrenzung zum “unwissenschaftlichen” Rest der Blogosphäre) die zwei Hauptkriterien zu enthalten scheint: 1.) Der Autor (bzw. die Gruppe der gemeinschaftlich bloggenden Autoren) sollte selber Wissenschaftler sein und 2.) der Inhalt des Blogs sollte primär durch wissenschaftliche Inhalte geprägt sein.
Etwas aus der Reihe tanzt hier der von Köhler als “Wissenschaftsblog” benannte Typ. Hier geht es um Wissenschaftsjournalismus, sprich das Berichten über Wissenschaft(liche Ergebnisse).
Versuch einer Definition
An dieser Stelle soll nun den Versuch zur Diskussion gestellt werden, Wissenschaftsblogs vom Rest der Blogosphäre auf folgende Weise abzugrenzen:
Echte Wissenschaftsblogs erfüllen danach mindestens folgende drei Kriterien:
1.) Der wissenschaftliche Fokus des Blogs ist klar erkennbar. Private Anekdoten oder Off-Topic-Beiträge halten sich in engen Grenzen (im Gegensatz zum Wissenschaftler-Blog, s.u.)
2.) Der Autor bzw. die Autoren haben einen qualifizierten wissenschaftlichen Hintergrund (i.d.R. mind. einen Hochschulabschluss)
3.) Die Beiträge im Blog stehen zum überwiegenden Teil in engem Zusammenhang mit dem spezifischen Fachwissen des Autors. Sprich er berichtet über die eigene Forschung oder kommentiert die Forschung Anderer in fachlich fundierter Weise.
Abzugrenzen von diesen “echten” Wissenschaftsblogs nach der obigen Definition sind:
1.) Wissenschaftler-Blogs: Hier liegt der Fokus nicht primär bei den wissenschaftlichen Inhalten, sondern eher auf der Person des Autors, womit dem “klassischen” Gedanken des persönlichen Logbuches Rechnung getragen wird. Als Beispiel kann hier ein Doktorandenblog dienen, in welchem der Autor die Erlebnisse seiner Forschungsreise bloggt und sich dabei auch immer wieder fachbezogen äußert.
2.) Wissenschaftsjournalistische Blogs: Dieser Blogtypus zeichnet sich im Gegensatz zum Wissenschaftsblog dadurch aus, dass über Wissenschaft berichtet wird. Die Autoren sind i.d.R. eher journalistisch ausgebildet und nehmen quasi einen Beobachterstatus in der Wissenschaftskommunikation ein. Zu dieser Kategorie lassen sich z.B. die scilogs zuordnen.
Der interessierte Leser mag sich nun fragen, wozu eine solche Definition gut sein soll. Die Antwort liegt in einer der zentralen Fragestellungen dieses Forschungsverbundes: Wie wird interne Wissenschaftskommunikation durch neue Medien verändert und beeinflusst?
Da zu den neuen Medien auch Weblogs gehören, gilt es festzustellen welche davon der internen Wissenschaftskommunikation im engeren Sinne angehören und welche eher nicht.
Reasearchblogging.org unternimmt einen in diese Richtung gehenden Versuch, indem dort Blogartikel lanciert werden können, die sich ausschließlich mit Peer-Reviewed Artikeln befassen.










@ JAS: Interessantes Projekt; zwei Anmerkungen von mir zu diesem Definitionsversuch:
(1) Ob der Ausdruck “Olymp der Wissenschaftsblogs” so treffend ist? Von da ist es nur ein Sprung (wenn auch ‘runter) auf den Elfenbeinturm. Insgesamt sind in “Aufnahmekriterien” recht moderat gehalten und bestehen vor allem in einer entsprechenden Selbstzuschreibung/-darstellung/-wahrnehmung/etc.pp..
(2) Eine ähnliche Begriffsbestimmung findet sich auch (oder bereits) bei Marc Scheloske, etwa in “Was heißt und zu welchem Ende betreiben wir wissenschaftliche Blogs?” (siehe auch Folie 27ff; darüber hinaus gibt es mehrere Beiträge von ihm zu diesem Thema, die ich aber nicht mehr finde…).
Wie Dir ein Blick auf den bei mir verlinkten Artikel sicher noch mal zeigen wird, ging es in dem Post gar nicht um Wissenschafts-, sondern um die vom SPIEGEL kritisierten Politikblogs; nur, weil es oben etwas missverständlich erscheint. Ob es eine “Blogosphäre” gibt oder nicht, ist keine wirkliche gelungene Frage, weil es keine vor sich hin existierende Entität “Blogosphäre” gibt. Es kann nur darum gehen, ob er in einem Zusammenhang sinnvoll erscheint, eine “Blogosphäre” zu konstruieren und ihr Eigenschaften zuzuschreiben bzw. von diesem Standpunkt auf die Sinnhaftigkeit oder das Vermögen von Blogs zu schließen. Für mich sind das zwei getrennte Fragen, aus deren Vermischung wenig Gewinn folgt; darum der verlinkte Beitrag.
Ob man ein radikal öffentliches Medium wirklich am Besten für eine wirklich interne Wissenschaftskommunikation nutzen sollte oder überhaupt sinnvoll nutzen kann, halte ich allerdings auch für eine eher offene Frage. Gerade researchblogging orientiert sich zwar stärker an interner Kommunikation (=Veröffentlichungen), aber wenn Du den Teilnehmenden erzählen wolltest, es handle sich dabei auch zuvorderst um wissenschaftsinterne Kommunikation und nicht um Außenvermittlung, bin ich mir nicht sicher, ob Du viele finden würdest, die mir Dir da übereingehen.
Aber das ist vielleicht ja auch noch Gegenstand der Untersuchung.
Beste Grüße,
k.
Definitionsversuche sind ja immer löblich, allerdings denke ich, daß der obige Vorschlag (nämlich Wissenschaftsblogs von Wissenschaftlerblogs und wissenschaftsjournalistischen Blogs zu unterscheiden) nicht unbedingt zielführend ist. Das schon allein der Tatsache wegen, daß man unter Annahme der oben genannten Kriterien zumindest im deutschsprachigen Raum keinen “echten” Wissenschaftsblog finden dürfte.
Ich selbst habe ja mehrmals vorgeschlagen, daß man zunächst Wissenschaftlerblogs (hier ist der Autor das Kriterium) von wissenschaftlichen Blogs (hier ist es der thematische Bezug) unterscheiden kann.
Bernd Weiss hat ja in Comment#1 bereits auf einen kleinen Artikel von mir zu diesem Thema verwiesen. Die ausführlicheren Anmerkungen zu diesen Fragen sind übrigens unterhalb des genannten Artikels direkt verlinkt. Ich erlaube mir hier nochmals eine Aufzählung:
Die Wissenschaft und die Blogosphäre » Liebesheirat oder Zweckgemeinschaft? Annäherungen an eine fruchtbare Liaison
Was sollen, was können Wissenschaftsblogs leisten? – Blogs als Instrument der (internen) Wissenschaftskommunikation
Demokratisierung der Wissenschaftskommunikation durch wissenschaftliche Blogs » Wege in eine „wissenschaftsmündige“ Gesellschaft
Ansonsten möchte ich noch einige Anmerkungen machen:
Als so zahlreich empfinde ich ja die vorhandenen Portale nicht. Zudem zählen die Hardblogginscientists definitiv nicht zu den Portalen! Im Grunde gibt es eben die Scienceblogs und die SciLogs, die in gewissem Sinn als Wissenschaftsblog-Kollektive anzusehen sind. Daneben gibt es noch das Wissenschafts-Café, das ich seit knapp einem Jahr betreibe, das die “unabhängigen” Wissenschaftsblogs aggregiert. (Hinweis/Disclaimer: Ich bin seit einiger Zeit auch leitender Redakteur von Scienceblogs.de)
Hier muß ich dann doch reklamieren: bei den SciLogs sind zwar auch Autoren mit dabei, die den genannten journalistischen Background haben, aber das ist überhaupt kein Kennzeichen für die gesamte SciLogs-Mannschaft. Hier schreiben überwiegend Forscher! Insofern besteht überhaupt kein Unterschied zu den Scienceblogs etc.
@kamenin:
Ich halte es durchaus für legitim von einer (meinetwegen auch) wissenschaftlichen Blogosphäre zu sprechen. Es ist nur die Frage, wie man dieses Etikett begründet und die Blogosphäre von anderen Kommunikationszusammenhängen unterscheidet.
Wo ich durch zustimme: was die “interne” Wissenschaftskommunikation angeht, so ist es mehr als fraglich, ob wissenschaftliche Blogs hier eine Rolle spielen (können). Ich habe das wiederholt (vgl. die Links) ausgeführt – Blogs sind kein Ersatz für den wissenschaftlichen Fachdiskurs!
Aber: wissenschaftliche Blogs verändern das gesamte Feld der Wissenschaftskommunikation. Was den interdisziplinären Dialog angeht und auch den Austausch mit interessierten Laien, so erleben wir derzeit eine interessante Entwicklung. Das sind aber Felder, die strenggenommen nicht zur “internen” Wissenschaftskommunikation zählen.
Allerdings könnte man den Kommunikationsbegriff auch weiterfassen – und hier müßte man dann berücksichtigen, daß Blogs für die Wissenschaftler ein Instrument zum Informations-, Identitäts- und Beziehungsmanagement sind. Alles Aspekte, die auf Kommunikationen zurückzuführen sind. Wie gesagt – in den verlinkten Artikeln finden sich mehr Details dazu.